Abstract
Der Beitrag untersucht das fiktive Justizsystem in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ und leitet daraus Kritik an der zeitgenössischen Strafrechtspflege ab. Ausgehend vom heutigen Verständnis des Rechtsstaats analysiert er, wie der Machtapparat in Kafkas Werk mit Strafverfahren sowie mit Schuld und individueller Verantwortung umgeht und welche rechtsstaatlichen Grundsätze er dabei verletzt. Anschließend widmet sich der Beitrag der Frage, ob in dieser Missachtung zugleich eine Infragestellung der betroffenen Prinzipien liegt. Weiterhin zeigt er strukturelle Parallelen zwischen Kafkas Rechtswelt und Praktiken der realen Strafrechtspflege auf (Verfahrenseinstellungen nach § 153a StPO, das Strafbefehlsverfahren und der Umgang mit nicht deutschsprachigen Beschuldigten). In Anknüpfung an die ungeklärte Schuldfrage im Roman behandelt der Beitrag schließlich die zeitgenössische, neurowissenschaftlich motivierte Debatte um das Schuldprinzip.

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