Abstract
Der Beitrag untersucht den Begriff des ‚Verbrechens‘ als konstitutives Merkmal der Kriminalliteratur und hinterfragt dessen Verwendung in der literaturwissenschaftlichen Gattungsbestimmung. Ausgehend von einer Analyse verschiedener Verbrechensbegriffe wird zunächst ein allgemeines Konzept entwickelt, das Verbrechen als bewusstes, normabweichendes und verantwortliches Handeln versteht. Dieses Konzept wird anschließend auf Edgar Allan Poes Erzählung „The Murders in the Rue Morgue“ angewendet. Dabei zeigt sich ein grundlegen-des Paradox: Mit der „Tat“ des Orang-Utans als „Täter“ sind die Voraussetzungen eines Verbrechens nicht erfüllt. Dennoch gilt Poes Erzählung als Prototyp der Kriminalliteratur. Zur Auflösung dieses Widerspruchs wird ein neues, genuin literaturwissenschaftliches Verständnis des gattungsbestimmenden Verbrechensbegriffs vorgeschlagen, nach dem das ‚crimen‘ nicht länger als tatsächlich begangenes Verbrechen, sondern als literarisches Strukturprinzip eines potenziellen Verbrechens verstanden wird, dessen Aufklärung die erzählerische Spannung erzeugt und die gestörte Ordnung wiederher-stellt.

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